Eines der tragischsten Dinge, die wir tun können, ist unser Leben auf später vertagen. Wer weiß, ob später tatsächlich kommt.
Von Torsten Geiling
Anastasius Grün war ein Lyriker im 19. Jahrhundert. Auf seinem Sterbebett soll er geflüstert haben: "Nicht fertig, nicht fertig. Muss noch leben!" Über Grüns Worte denke ich öfters nach. Wie wird es mir gehen? Was werde ich auf dem Sterbebett sagen? Bin nicht fertig - oder ist es irgendwann genug. Ich hoffe nur, dass ich mir am Ende nicht eingestehen muss, dass ich meine Leben lang eine Leiter hochgeklettert bin, die an der falschen Wand stand.
Wie lange haben wir noch in unserem Leben? Sind es noch 25 letzte Sommer, wie ein Buch heißt, 2000 Wochenenden oder 365 Tage? Wir wissen es nicht - und wahrscheinlich ist es auch gut so.
Trotzdem stell ich meinen Klientinnen und Klienten manchmal die Frage: „Was würdest du tun, wenn du nur noch ein Jahr zu leben hättest?“ Manche sind sprachlos, aus anderen sprudelt es heraus: Sofort den Job kündigen, Bungeejumping in Neuseeland, endlich den Partner verlassen oder vom Leben enttäuscht in der Beziehung verharren, weil es für den Neustart zu spät ist.
Die Verantwortung liegt bei uns
Angst ist nie eine Lösung. Es ist der Mut, der uns neue Wege aufzeigt. Mein ältester Klient war 86 Jahre alt. Er hat noch einmal den Neuanfang gewagt, weil er der Meinung war, er sei noch nicht fertig.
Natürlich wäre es schön, wenn es eine höhere Macht geben würde, die uns die Kraft gibt, die Dinge zu ändern, die wir ändern können, das Unabänderliche zu ertragen, und die Weisheit, zwischen beidem zu unterscheiden, wie Reinhold Niebuhr es sich in seinem Gelassenheitsgebet wünscht.
Wahrscheinlich müssen wir uns diesen Wunsch selbstverantwortlich erfüllen.
"Einfach mal machen" anstatt "hätte, hätte Fahrradkette"
Bewusst oder unbewusst malen wir uns aus, was geschehen könnte, wenn wir diese oder jene Entscheidung treffen, oder wie es hätte sein können, hätten wir dieses oder jenes schon längst getan. Wir bewegen uns ständig in parallelen Welten, quälen uns mit möglichen Zukünften oder verpassten Vergangenheiten, anstatt die Entscheidung in der Gegenwart zu treffen.
"Einfach mal machen"...anstatt "hätte, hätte Fahrradkette...". Also nicht nur denken, sondern handeln. Es liegt an uns.
„Ich habe mir in meinem Leben nie erlaubt, das zu tun was ich eigentlich wollte“, sagte mir unlängst eine Klientin. „Ich habe mich immer hinten angestellt.“
Ich fragte sie, was dagegen spricht, dies zu ändern. „Nichts“, sagte sie „das mache ich jetzt auch. Ich habe ja nicht mehr ewig Zeit.“ Ich konnte sie darin nur bestärken. Das Leben ist zu kurz für irgendwann...es gibt keinen besseren Moment als jetzt.
Übung: Unser letztes Stündlein
Stell Dir vor, der heutige Tag wäre dein letzter. Wie sieht deine Bilanz aus? Wärst du mit deinem Leben zufrieden? Was ist gut gelungen? Was würdest du bereuen? Was würdest du ändern, in der kurzen Zeit, die dir noch bleibt? Was würdest du noch tun, um deinen letzten Tag bestmöglich zu nutzen? Wie willst du deine letzten Stunden verbringen? Und mit wem? Nimm ein Blatt und schreib es auf!
Weitere Übungen und Tipps findest du in meinem Ratgeber "Ich will mich trennen".